Ein negativer OTDR-Eintrag ist noch kein Reparaturauftrag. Entscheidend sind dasselbe Ereignis, beide Messrichtungen und eine nachvollziehbare Auswertung.

Das Wichtigste in Kürze
Ein negativer Spleißverlust in einer OTDR-Ereignisliste bedeutet keine optische Verstärkung. Ein solcher „Gainer“ kann entstehen, wenn die miteinander verbundenen Fasern unterschiedlich stark zurückstreuen. Beurteilen Sie den Spleiß deshalb nicht anhand dieses Einzelwerts und beauftragen Sie nicht allein deswegen eine Nacharbeit.
Für die belastbare Einordnung werden die Messungen desselben Ereignisses aus beiden Richtungen zusammengeführt. Voraussetzung sind eine eindeutige Faser- und Ereigniszuordnung sowie auswertbare Kurven. Erst danach lässt sich das Ergebnis gegen die vereinbarten Projektkriterien prüfen.
Was ein Gainer im Messprotokoll aussagt
Das OTDR ermittelt Ereignisverluste aus dem zurückkommenden Licht. Ändert sich an einem Spleiß das Rückstreuverhalten, kann der Kurvenabschnitt dahinter höher liegen, als die einseitige Auswertung erwartet. Das Gerät kann dann einen negativen Verlust ausweisen. Die FOA-Erläuterung zur OTDR-Messung beschreibt diesen Zusammenhang.
Der Effekt kann bei Übergängen unterschiedlicher Faserprodukte auftreten. Die aufgedruckte G.-Kategorie allein reicht jedoch nicht aus, um Ursache oder Größe vorherzusagen. Ein Gainer ist damit ein Anlass zur fachlichen Prüfung des Messbilds, kein Qualitätsprädikat für den Spleiß und kein Beweis für einen Defekt.
Für Auftraggeber lautet die erste Rückfrage: „Ist diese Stelle aus der Gegenrichtung eindeutig zugeordnet und ausgewertet?“ Das ist aussagekräftiger als die Aufforderung, jeden negativen Eintrag auf null zu setzen oder vorsorglich neu zu spleißen.
Bidirektionale Auswertung: Vorzeichen und Zuordnung erhalten
Fiktives Ereignispaar aus dem Beitrag. Vorzeichen bleiben erhalten: (−0,18 + 0,34) / 2. Der Mittelwert ist kein allgemeiner Freigabewert.
Bei einem durch Rückstreuunterschiede beeinflussten Ereignis zeigt die Gegenrichtung den gegensätzlichen Einfluss. Aus beiden vorzeichenbehafteten Ereigniswerten wird der Mittelwert gebildet. Dieses Prinzip erläutert EXFO in Application Note 385.
Die Werte dürfen nur zusammengeführt werden, wenn sie dieselbe Faser, dieselbe physische Verbindungsstelle und dieselbe Messwellenlänge betreffen. Ein Wert einer anderen Wellenlänge oder eines benachbarten Spleißes ist kein geeigneter Gegenwert. Unterschiedliche Ereignisnummern in den beiden Richtungen sind dabei nicht automatisch ein Widerspruch: Die Strecke wird vom jeweils anderen Ende betrachtet.
Fiktives Beispiel mit eindeutigem Ereignispaar
Für einen einzeln auflösbaren Spleiß liegen in diesem erfundenen Beispiel zwei fachlich als vergleichbar bewertete Messungen vor:
- Richtung A nach B: −0,18 dB
- Richtung B nach A: +0,34 dB
- Bidirektionaler Mittelwert: (−0,18 + 0,34) / 2 = 0,08 dB
Würde der negative Wert vor der Rechnung auf null gesetzt, ergäben sich 0,17 dB. Würden stattdessen beide Beträge positiv verwendet, ergäben sich 0,26 dB. Beide Rechnungen verändern das Messprinzip und liefern ein anderes Ergebnis.
Auch die korrekt berechneten 0,08 dB sind in diesem Beispiel kein allgemeiner Freigabewert. Ob das Ereignis akzeptiert werden kann, hängt von der vereinbarten Auswertung, der Messqualität und den geltenden Projektgrenzen ab. Die Zahlen sind frei gewählt und stammen aus keinem InfraNova-Kundenprojekt.
Vier Prüfungen, bevor zwei Werte gemittelt werden
1. Gehören die Dateien wirklich zur gleichen Faser?
Verlangen Sie eine klare Verbindung zwischen Startpunkt, Zielpunkt, Kabel-ID, Fasernummer und Dateinamen. Die Angabe „Strecke 1, Rückmessung“ reicht bei mehreren parallel verlaufenden Fasern nicht aus. Lassen Sie ungeklärte Zuordnungen korrigieren, bevor eine automatische Sammelauswertung zur Freigabe verwendet wird.
2. Ist derselbe Spleiß aus beiden Richtungen erkannt?
Die Fachperson gleicht Kurven, Streckenenden und bekannte Verbindungspunkte miteinander ab. Vorlauf- und Nachlaufstrecken sowie die im Prüfaufbau gewählten Bezugspunkte müssen dabei berücksichtigt werden. Eine identische laufende Ereignisnummer genügt als Nachweis nicht.
Ist ein Ereignis nur in einer Richtung sauber erkennbar, sollte der Bericht diese Einschränkung ausdrücklich nennen. Ein fehlender Gegenwert darf nicht durch einen angenommenen Nullverlust ersetzt werden.
3. Lassen sich die Verluste an dieser Stelle getrennt bestimmen?
Eine sichtbare Kurvenänderung ist nicht immer einzeln quantifizierbar. Die Fluke-Erklärung der Totzonen unterscheidet zwischen dem Erkennen benachbarter Ereignisse und dem Abstand, der für eine Verlustbestimmung benötigt wird. Eng benachbarte Verbindungen können deshalb eine getrennte Bewertung erschweren.
Fragen Sie in diesem Fall, ob der ausgewiesene Wert einen einzelnen Spleiß oder eine zusammengefasste Ereignisgruppe betrifft. Die weitere Messstrategie legt das Messteam passend zu Strecke und Prüfziel fest. Eine pauschale Pulsbreite oder Mindestentfernung wäre dafür keine belastbare Vorgabe.
4. Ist der Messaufbau nachvollziehbar?
Zum Prüfdatensatz gehören unter anderem Wellenlänge, Messrichtung, Gerät, wesentliche Einstellungen und verwendete Referenzfasern. Vorlauf- und Nachlauffasern ermöglichen die Betrachtung der Endanschlüsse mit geeigneten Rückstreubereichen, wie das Fluke-Whitepaper zur Faserfehlersuche erläutert. Sie beseitigen aber nicht automatisch Auflösungsprobleme zwischen eng benachbarten Ereignissen im Inneren der Strecke.
Die dokumentierten Parameter sollen eine fachliche Plausibilitätsprüfung ermöglichen. Sie sind keine Aufforderung an Auftraggeber, Geräteeinstellungen aus einem fremden Protokoll ungeprüft zu übernehmen.
Welche Entscheidung nach der Prüfung möglich ist
- Ereignispaar eindeutig und auswertbar: Bidirektionales Ergebnis mit dem vereinbarten Kriterium vergleichen und die Entscheidung dokumentieren.
- Zuordnung oder Messqualität unklar: Fehlende Unterlagen beziehungsweise eine geeignete ergänzende Messung anfordern. Die Stelle bleibt offen.
- Belastbares Ergebnis außerhalb der Projektanforderung: Ursache und erforderliche Maßnahme fachlich bewerten; nach einer Änderung den Nachweis aktualisieren.
Eine Einzelereignisbewertung beantwortet zudem nicht jede Frage zur gesamten Verbindung. Fluke unterscheidet direkte Ende-zu-Ende-Einfügedämpfungsmessungen und OTDR-Ereignischarakterisierung. Welche ergänzenden Messungen Ihr Netz benötigt, muss der projektbezogene Prüfplan festlegen.
Den offenen Befund so übergeben, dass er bearbeitet werden kann
Für eine gezielte Rückfrage reichen zunächst die betroffene Faser-ID, der fragliche Ereigniseintrag, die beiden Originalmessdateien und die dazugehörige Auswertung. Ergänzen Sie den geforderten Grenzwert mit seiner Herkunft und benennen Sie, wer die abschließende Entscheidung trifft. Ein Screenshot ohne zuordenbare Rohdaten ist dafür eine schwache Grundlage.
InfraNova bietet Glasfasermesstechnik, Glasfaser-Spleißarbeiten und Dokumentation an. Über den Projektkontakt lässt sich der konkrete Prüfbedarf abstimmen, ohne aus einem einzelnen Gainer bereits eine Reparatur abzuleiten.
Messungen und Eingriffe müssen unter den vom Betreiber freigegebenen, sicheren Bedingungen erfolgen. Blicken Sie niemals in Faserenden oder Stecker. Die DGUV Information 203-039 beschreibt die zu berücksichtigenden Gefährdungen und Schutzmaßnahmen.
Häufige Fragen
Muss ein Spleiß mit negativem OTDR-Wert erneuert werden?
Aus dem negativen Einzelwert allein lässt sich das nicht ableiten. Zuerst müssen Gegenrichtung, Ereigniszuordnung und Auswertbarkeit geprüft werden.
Kann ich die beiden Werte ohne Vorzeichen mitteln?
Nein. Bei der bidirektionalen Ereignisauswertung werden die Vorzeichen erhalten. Das Beispiel zeigt, wie stark die Rechnung durch Betragsbildung verändert würde.
Was gilt, wenn die Gegenseite nicht zugänglich ist?
Dokumentieren Sie diese Grenze und stimmen Sie mit dem Auftraggeber ab, welcher Nachweis möglich ist und was offen bleibt. Eine einseitige Messung darf nicht als durchgeführte bidirektionale Prüfung bezeichnet werden.
Belegt ein plausibler Mittelwert bereits die vollständige Abnahme?
Er bewertet zunächst das zugeordnete Ereignis unter den vorliegenden Messbedingungen. Weitere Strecken-, Komponenten- und Dokumentationsanforderungen bleiben gesondert zu prüfen.




